Liebe Freundinnen und Freunde!

Liebe Freunde!

„Wer aufrecht geht, ist in jedem System nur historisch hoch angesehen.“ 1983 hatte ich der Widerstandsbewegung „Die Weiße Rose“ ein Lied gewidmet. Ich konnte es über die Jahre vor vielen Menschen singen und halte es nach wie vor für eines meiner wichtigsten. Weniger im Bewusstsein ist der Zusatz in meiner Widmung: „…und all denen, die sich auch heute noch dem Faschismus entgegenstellen, ist dieses Lied zugeeignet.“ Die großartigen, aufrechten Menschen, die in diesem engagierten Buch von sich und ihrem Kampf gegen Nazis berichten, können sich davon sehr gern angesprochen fühlen. Ich bin mit Herz und Verstand bei ihnen. In einer Zeit, in der es offenbar verlegerisch nichts Dringenderes zu tun gibt, als Hitlers „Mein Kampf“ neu aufzulegen und in der der braune Mob das Straßenbild dominiert wie nie zuvor seit 1945, ist dieser Band doppelt wichtig.

Man darf sich den Kampf gegen Nazis, Rassisten und Rechtspopulisten nicht zu einfach vorstellen, nur weil diese formal derzeit nicht an der Macht sind. Rechtsextreme üben Druck aus, greifen nach Macht und Einfluss auf allen Ebene: auf den Straßen, in den Kneipen, im Internet wie in der großen Politik. Wer, wie ich es öfter getan habe, in Dresden gegen Nazi-Aufmärsche demonstriert, kann mitunter erleben, wie die Polizei tapfer und entschlossen einschreitet – auf der Seite der Nazis, die den öffentlichen Raum ja rechtmäßig „gemietet“ haben. Rechte regieren indirekt schon jetzt überall mit, wo die etablierte Politik ihnen aus taktischen Gründen ein Stück entgegen kommt: um ihnen „den Wind aus den Segeln zu nehmen“, ihnen „keine Steilvorlage zu geben“ oder sie „aus den Parlamenten draußen zu halten“. Wer aber mit Nazis in puncto Unmenschlichkeit Kompromisse schließt, hat schon ein Stück seiner selbst und jener Kultur preisgegeben, die in der Nachkriegszeit nicht umsonst sehr hellhörig gegenüber allem gewesen ist, was nach Rassismus und Fremdenfeindlichkeit riecht. Wer sich gegen Nazis klar in Stellung bringt, kann in Auseinandersetzungen verlieren; wer ihnen gegenüber jedoch von vornherein Boden preisgibt, indem er z.B. immer härtere Maßnahmen gegen Flüchtlinge fordert, anstatt diesen ohnehin geschundenen Menschen großherzig zu helfen, der hat schon verloren.

Seit die Grünen im Bund relativ erfolgreich waren, hielten es alle anderen Parteien für angebracht, ebenfalls „ein bisschen grün“ zu werden, um den Erfolg der Ökopartei einzudämmen. Soll unsere Zukunft nun so aussehen, dass alle ein bisschen braun werden – vermeintlich im Kampf gegen Braun? In Frankreich, wo Marine Le Pen ihre fremdenfeindliche Partei bei Regionalwahlen bereits auf Platz 1 in der Wählergunst geführt hat, kann man diese Entwicklung bereits beobachten. Mir graut vor einem Deutschland, in dem sich Terrorfurcht, Flüchtlingszustrom und die zunehmende Enttabuisierung rechter Diskurse zu einem explosiven Gemisch hochschaukeln. Vor einem Land, in dem man Krieg führt gegen den Hass, um dann verwundert mit anzusehen, wie sich aus Krieg neuer Hass gebiert. In dem man ein mörderisches Weltwirtschaftssystem unterstützt, das das Leben für die Menschen im Süden unerträglich macht, um dann entrüstet festzustellen, dass diese Menschen irgendwann aus purer Verzweiflung zu uns kommen.

Am Ende wird das Meinungsklima in Deutschland dermaßen vergiftet sein, dass sich die Menschlichkeit gegenüber der Unmenschlichkeit rechtfertigen muss – wie es heute schon der teilweise Fall ist, wenn Pressezyniker gegen „Gutmenschen“ und „Versteher“ geifern. Wenn man keinen Artikel mehr posten kann, der um Verständnis für Flüchtlinge wirbt, ohne dass einen Think-Tank-geschulte Recht(s)haber belehren, Mitgefühl ohne Vernunft sei doch eher schädlich. Und ohne dass braune Pöbler einen auf Facebook kampagnenartig beschimpfen und bedrohen. Als seien einfache ethische Grundsätze – Menschen aller Hautfarben sind von gleichem Wert und Hilfsbedürftigen muss man helfen – nur überholte Marotten von ein paar „Alt-68ern“. Ich habe wirklich schon einiges mitgemacht in 40 Jahren aktivem Antifaschismus, aber ein solch geballter Dummheitssturm, eine solch epidemische Bösartigkeit ist auch für mich neu. Mehr und mehr kann ich die Gefühlslage Thomas Manns nachvollziehen, der im Exil seine „Trauer über den Abfall der Epoche vom Humanen“ zum Ausdruck brachte. Eine Facebook-Kommentatorin meinte unlängst, es sei doch unverantwortlich von diesen Flüchtlingen, ausgerechnet im Winter zu fliehen. So viel zum Stand der deutschen Debattenkultur.

In einem älteren Lied, das ich aus aktuellem Anlass für meine Tournee wieder hervorholte, heißt es: „Da ist zwar ein Sehnen in mir, aber eigentlich habe ich Angst. Ich hab Angst um die Kinder und Narren, die Verwundbaren und die Bizarren, um die seitlich Umgeknickten, um die Liebenden und die Verrückten, alle die sich verschwendend verschenken, die sich selber durchs Leben lenken, alle die mit dem Herzen denken…“ Den Begriff „Mit dem Herzen“ denken übernahm ich damals von der wunderbaren Petra Kelly, die persönlich zu kennen ich noch das Glück hatte. Und in der Tat wird vieles scheinbar schwer Verständliche leicht einsehbar, wenn man beginnt, es mit dem Herzen zu sehen: Wenn man sich etwa in die Situation junger Männer in Syrien hineinversetzt, die die Wahl haben, für den Diktator Assad zu töten und zu sterben oder vom islamistischen Wahnsystem der IS überrollt zu werden. Diese Menschen begeben sich als letzten Ausweg auf eine weite und gefährliche Reise, nur dann in Massenunterkünften den Lagerkoller zu bekommen und beim Blick durchs Fenster in die stumpfen Gesichter eines aufgewiegelten deutschen Mobs zu sehen.

Man kann Angst bekommen, ja, aber darf sich von dieser Angst auch nicht lähmen lassen, darf nicht nachlassen, den Nazis und Rassisten immer wieder ein klares „Nein“ entgegenzuschreien: auf Straßen und Plätzen, im Internet, in Büchern, Gedichten und Liedern. Auch im Freundes- und Familienkreis, wo sich der derzeitige „Rechtsruck“ oft am schmerzlichsten bemerkbar macht, weil scheinbar Verlässliches auf einmal zu bröckeln beginnt. Verständnis für die soziale Situation des nach rechts Abgedrifteten, für die psychopathologische Entstehungsgeschichte seiner Fremdenangst dürften wir durchaus aufbringen. Auch Rechte sind ja teilweise gewiss Opfer eines diskriminierenden Wirtschaftssystems. Das behandelt sozial schlechter gestellte Deutsche sei t Jahren so mies, dass die dümmeren von ihnen schon mal ihren aufgestauten Hass – statt gegen die Täter – gegen Opfer anderer Hautfarbe richten. Wir sollten uns diesen verblendeten Rechtsauslegern weder in unseren Ausdrucksmitteln noch in der Intensität unseres Hasses annähern. Aber psychologisches Verstehen darf nie so weit führen, dass wir uns mit den Gemeingefährlichen gemein machen. Wir dürfen uns nicht irre machen lassen und keinesfalls zurückweichen, auch wenn – wie ich es feinsinnig in meinem Lied „Willy“ ausgedrückt habe – „die ganze Welt den Arsch offen hat“.

Die mutigen Männer und Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, haben sich von ihrer Angst nicht überwältigen lassen, sie sind gestanden und haben gekämpft – oft auch unter persönlichen Opfern. Diese in ihrer alltäglichen und unspektakulären Tapferkeit meist übersehenen Menschen sind es, an denen ein immer wieder gefährdetes, Richtung Abgrund schwankendes Land gesunden kann; nicht jene, die das Wort „Deutschland“ wie eine Monstranz vor sich hertragen, um dann die Werte der besten Dichter, Denker und politischen Rebellen des Landes mit Füßen zu treten. Diesen zu Unrecht unbekannten Antifaschistinnen und Antifaschisten gilt unser Dank, wie dem ganzen so wichtigen und ambitionierten Buchprojekt.

Konstantin Wecker im Dezember 2015
Nachwort zu:
Mein Kampf – gegen Rechts. Europa Verlag. Hrsg.: Gesicht zeigen! 168 Seiten. € 14. Ein Euro aus jedem Buchverkauf geht an den Verein „Gesicht zeigen!“ und fließt in den Kampf gegen Rechtsradikalismus und Rassismus.

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Liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich hatte ich vor, mich bis Anfang Februar zurückzuziehen, um mein neues Buch fertig zu stellen.
Nun zwingen mich die Nachwehen der Kölner Silvesternacht doch noch zu einer kurzen Stellungnahme.
Die Politillustrierte „Focus“ hat ein Titelbild veröffentlicht, das einem den Atem raubt. Man denkt sofort an eine Werbebroschüre des Ku-Klux-Klan und kann es nicht fassen, dass so etwas im aufgeklärten Deutschland möglich ist.
Die abfärbenden Hände eines Schwarzen betatschen eine blonde, weißhäutige, unbekleidete Frau – die Botschaft für alle offiziellen und latenten Rassisten soll wohl heißen: Notgeiler Neger vergreift sich an schöner, blonder, reinrassiger Deutscher Frau.
Dieter Hildebrandt fand schon 2007 in einem Gespräch mit „Cicero“ den „Journalismus von Focus unerträglich“. Dieser großartige Mensch und Mahner fehlt mir dieser Tage mehr als je zuvor. Denn jetzt ist „unerträglich“ nicht mehr der passende Ausdruck. Das Blatt muss boykottiert werden.
Zu Recht hat die Grünen-Vorsitzende Simone Peter beim Deutschen Presserat eine Beschwerde eingereicht.
„Kann man nicht über sexualisierte Gewalt an Frauen berichten, ohne dabei auf frauenverachtende Weise altbekannte Vorurteile zu bedienen und durch rassistische Bilder Rechtspopulismus und rechte Hetze zu verstärken?“, schreibt sie auf Facebook.
Und genau das ist der springende Punkt derzeit.
Als Münchner bekommt man Jahr für Jahr zum Oktoberfest sexuelle Übergriffe, versuchte Vergewaltigungen, tatsächliche Vergewaltigungen in kurzen Zeitungsnotizen serviert. Zwei Vergewaltigungen, jede Menge sexueller Übergriffe und das trotz über 2000 Polizeieinsätzen – gerade mal dreieinhalb Monate ist das her. Keine große Aufregung in den Medien, keine Rufe nach Gesetzesänderung von unseren Spitzenpolitikern. Man könnte sich ja das Millionengeschäft mit dem Bier verderben.
Ob zu Hause, Oktoberfest, Schützenfeste, Partys – die Frauenhäuser jedenfalls sind voll von gedemütigten, verprügelten und misshandelten Frauen. Wohlgemerkt von einheimischen Tätern. War das jemals ein Thema?
Geradezu unerträglich ist es, sich anhören zu müssen, wie Rassisten plötzlich zu Frauenrechtlern mutieren. Wie der „Feminist“ G.W Bush damals bei seinem Kriegseintritt in Afghanistan.
Die BILD-Berichterstatterin Alice Schwarzer nennt die Vorfälle „das Produkt einer falschen Toleranz“. Warum geht sie, als bekannte Feministin, nicht auf die wirklichen Ursachen sexistischer Übergriffe ein? Ich halte diese Aussage, gerade Toleranz sei das Schädliche, für höchst gefährlich. Sie steht in der Tradition eines beispiellosen Feldzugs gegen die Grundwerte: Willkommenskultur, Mitgefühl, Verständnis, gar die Güte oder das Gute selbst werden kaum mehr anders als herabsetzend und ironisierend gebraucht. Auch Toleranz gehört in diese Reihe. Das Wort soll durch fortdauernden Propagandabeschuss zum Unwort umgedeutet werden.
Sexuelle Gewalt ist keine Frage der Religion, der Hautfarbe, der Gene – sie ist fester Bestandteil des Patriachats. Aber dies zu kritisieren kommt in unserem System einer Gotteslästerung gleich.
Lasst mich eine junge Kollegin zitieren zum Schluss, die Liedermacherin Sarah Lesch. Sie schreibt am Ende eines sehr persönlichen und berührenden Beitrags auf Facebook:
„Was machen wir nun mit den ganzen Sexisten in unserem Land und mit den frauenfeindlichen Gewalttätern und Täterinnen? Was mit den männerfeindlichen?
Lehrer, Pfarrer, Vorstände, Väter, Mütter, Pädagogen und Pädagoginnen?
Politiker und Politikerinnen? Diskothekenbetreiber und Motorradclubs?
Kann man die auch ‚abschieben‘ bitte?
Was machen wir mit frauenverachtenden Studentenverbindungen und sexistischen Professoren, Glaubensgemeinschaften, Arbeitgebern oder Stammtischgesellschaften? (…) Was mache ich mit einem Mann, der mich sexuell belästigt und dem ich einen Job gegeben habe? Was mit einem, der mir einen Job gegeben hat?
Was machen wir mit den ganzen deutschen und ‚ausländischen‘ Männern und Frauen, die sich ‚lustige‘ Videoclips auf ihren Smartphones zuschicken, in denen sexuelle Gewalt verherrlicht wird? (…)
Ihr wollt anfangen, ‚unser Land‘ aufzuräumen?
Na dann los! ES GIBT VIEL ZU TUN!
Fangt mal bei euch selbst an!“

P.S:
Immer wieder sollten wir die großartige, mutige und bewundernswerte Hannah Arendt lesen:
„Der Verlust der Menschenrechte findet nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verlorengeht, sondern nur wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür ist, dass seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind.“
Arendt, Hannah – „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, S. 612 f.