Liebe Freundinnen und Freunde,

gerade schrieb mir mein Freund Roland Rottenfußer, der Redakteur meines Webmagazins „Hinter den Schlagzeilen“:
„Es ist schwer, sich derzeit nicht in eine ‚politische Depression‘ hineinsinken zu lassen, auch in eine Ratlosigkeit, die zur Lähmung führt. Trotzdem geht alles weiter, draußen springt einen das Blühen an, und ich lese so viele besonnene Aussagen guter und vernünftiger Menschen. Es ist so wichtig, sich in allem die Mühe differenzierter Betrachtung zu machen und sehr entschlossen, ja stur, an seiner eigenen Menschlichkeit festzuhalten, an den Bürgerrechten und an einfachen Erkenntnissen, die heute nicht weniger wahr sind als früher: etwa dass man die Tat des einen ‚Ausländers‘ nicht allen anderen anlastet.“
Auch ich hatte für Momente bei den Nachrichten über Amok laufende Flüchtlinge das Gefühl, diese fallen mir in den Rücken bei meinen Versuchen, öffentlich für ihre Rechte einzutreten. Aber dies gilt, wenn überhaupt, nur für diese wenigen. Alle anderen brauchen weiterhin unseren Schutz, unser Verständnis, unsere Willkommenskultur. Wir dürfen von den Errungenschaften nicht lassen, die uns die ‚milde‘ Nachkriegszeit gelehrt hat: bei Verbrechen geduldig nach den Ursachen zu suchen – auch solchen gesamtgesellschaftlicher Natur, Heilung eher als Strafe und Härte anzustreben und immer nur den Einzelmenschen zu bewerten, nicht Kollektive. Diese Erkenntnisse sind heute nicht weniger wahr als gestern, wir dürfen sie nicht dem schärferen Wind opfern, der uns vielleicht jetzt ins Gesicht bläst.
Selbstverständlich kann ich den ungeheuren Schmerz nachfühlen, den Verwandte und Freunde ermordeter Menschen empfinden.
Darüber hinaus aber sollte man sich, als nicht direkt Betroffener, Gedanken machen.
Zwei junge Menschen – einer davon, der Münchner Attentäter fast noch ein Kind – nehmen sich das Leben und beschließen andere mit in den Tod zu reißen.
Wie groß muss die Verzweiflung sein, die jemanden zu so einer schrecklichen Tat veranlasst? Der eine ein von Mitschülern gehänseltes und ausgeschlossenes Kind, der andere ein abgelehnter Asylbewerber, der wohl alle Hoffnung verloren hat im Land seiner Träume Fuß zu fassen.
Auf unglaublich ekelhafte Weise versuchen nun gewissenlose Populisten, das für ihre eigenen abstrusen Ideologien auszuschlachten.
Udo Ulfkotte, der David S. penetrant als Ali S. bezeichnet, macht auf der Seite des rechten Verschwörungsverlages Kopp schamlos Werbung für sein neues Buch und erkennt auf einem im Fernsehen gezeigten Video angeblich, dass der Schiit Ali türkische Sunniten hasse, die ihn „gemobbt“ hätten. Und schon wird aus einer ausländerfeindlichen Tat prompt ein islamistischer Anschlag.
Mitglieder des pegidanahen BDP (Bündnis Deutscher Patrioten) schändeten mit dem Hissen ihrer Fahne die Gedenkstätte der Opfer.
Auf Twitter und Facebook waren Postings der AfD und von Pegida zu lesen, die jedem fühlenden Wesen die Schamesröte ins Gesicht steigen ließen. So postete doch wahrhaftig ein AfDler eine Stunde nach den Morden in München: „Jetzt AfD wählen“

Liebe Freunde, mir ist bewusst, dass ich mit den folgenden Überlegungen bei einigen Menschen anecken werde, aber es haben nicht nur die Eltern der Opfer ein Kind verloren. Auch die Eltern des Täters. Wie werden sie jemals damit leben können? Und ich kann und werde mich eines Einfühlens in diese verirrten, verzweifelten und geistig verwirrten jungen Männer nicht erwehren.
„Das Phänomen Selbstmord breitet sich aus wie eine Epidemie und zwar als Folge des gesellschaftlichen Drucks, emotionaler Verarmung und aufgrund des unablässigen Angriffs auf unsere Aufmerksamkeit“, schreibt Franco Berardi. Und weiter: “Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist die Selbstmordrate in den letzten 45 Jahren weltweit um 60 Prozent gestiegen (…) Es ist vielleicht kein Zufall, dass während ebendieser 45 Jahre überall auf der Welt das kapitalistische Modell weitestgehend vollständig durchgesetzt und unsere gesamte Aufmerksamkeit dem Rhythmus der ökonomischen Maschine vollständig unterworfen wurde.“
Wir dürfen uns nicht instrumentalisieren lassen. Was in München passierte, ist schrecklich, aber es ist nur ein minimaler Teil des Schreckens, den die westlichen Mächte mit ihren ökonomischen Erpressungen und ihrem Staatsterrorismus im Irak, Afghanistan, Syrien und in vielen anderen Ländern mehr verursacht und verbreitet haben.
„Es ist immer einfacher, die Schuld dem IS oder unerklärlicher Geisteskrankheit anzulasten. Es ist immer unbequemer, sich vielleicht tiefer gehende, weniger offensichtliche, weniger klar beweisbare Ursachen anzuschauen: die Kriegspolitik des Westens, die Asylpolitik, die junge Menschen über Monate in einer Situation der Bewegungs- und Machtlosigkeit festhält, der unerträgliche Druck, der auf Schülern heute lastet… Bestimmte Kräfte warten doch nur darauf, den Umbau zuvor freier Gesellschaften in Polizei-, Überwachungs- und Angstgesellschaften bei jedem gegebenen Anlass voranzutreiben. Wir dürfen ihnen das nicht durchgehen lassen.“ ( Rottenfußer)
Nein und nochmals nein: es sind nicht die „Ausländer“, die „Araber“, die „Afrikaner“, die „Neger“ , die „Moslems“ die uns diese Welt zu einer unsicheren, unmenschlichen, oft unerträglichen Heimat machen. Es ist ein gnadenloses System, das die Gesellschaft zum blinden Gehorsam gegenüber der Finanzakkumulation zwingt.
Das gilt es zu bekämpfen, nicht die Flüchtigen, nicht diejenigen, die noch unsicherer und ärmer sind als wir.
Thomas Mann schrieb im Exil über seine „Trauer über den Abfall der Epoche vom Humanen“. Diese Trauer kann uns Heutige jetzt wieder ergreifen, wir dürfen uns von ihr aber nicht lähmen lassen.
Unsere revolutionäre Antwort auf diesen Abfall des Humanen, den Verlust des Humanismus kann nur die Zärtlichkeit sein.
Die Waffen sind im Besitz der Herrschenden.
Unsere Waffe muss die Umarmung sein.
Und die Freude am Leben.
Weiterhin.

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Liebe Freundinnen und Freunde,

in seinem klugen und unbedingt lesenswerten Buch „Der Aufstand – über Poesie und Finanzwirtschaft“ schreibt der Philosoph und ehemalige Aktivist der revolutionären Autonomiebewegung in Italien Franco Berardi:
„30 Jahre der fortwährenden Prekarisierung, des unkontrollierten und ungezügelten Wettbewerbs sowie der psychischen Vergiftung durch Leute wie Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi mit ihren kriminellen Medienimperien haben die Gesellschaft zerbrochen und bis zur Gebrechlichkeit zersplittert…..Die Aufgabe der Widerstandsbewegungen wird nicht in der Provokation bestehen, sondern viel eher darin (und das gilt auch für den Aufruhr), autonome Strukturen zu schaffen, die für Wissen sorgen, für die Existenz, für das Überleben, für die Psychotherapie; Strukturen also, die dem Leben Bedeutung und Autonomie verleihen….
Europa muss Maastricht überwinden, um neu erfunden werden zu können. Schulden müssen ebenso enteignet werden wie die Maßnahmen, denen sie ihre Existenz verdanken und die sie nähren…. Widerstandsbewegungen müssen den europäischen Diskurs ganz neu formulieren und zwar durch gesellschaftliche Solidarität, durch Egalitarismus und die Reduktion der Arbeitszeit, durch die Enteignung von Kapitalkonglomeraten, die Streichung sämtlicher Schulden und es muss einer zukünftigen Internationale mit offenen Armen begegnen.“
Zwei Bücher dieses spannenden Denkers sind auf Deutsch erschienen. „Aufstand“ und „Helden“.
Auch ich habe immer wieder davon gesprochen, dass ich nicht meine Gedichte politisieren will, sondern die Politik poetisieren möchte. Frei nach Novalis und seiner „Poetisierung der Welt“. Man verwechsle aber dessen Arbeit am Poetisieren der Welt nicht mit bloßen Harmonisierungsversuchen. Für Novalis bedeutete das „Poetische“ eine revolutionäre Gestaltungsqualität und natürlich meint auch Berardi nicht, dass man mit Gedichten die Macht der Banken zerschlagen könne. Poesie ist für ihn die Chiffre für ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit, für einen Akt der Emanzipation von den berechenbaren üblichen Deutungen und Erzählweisen.
Die Poesie stellt auch die Instrumente einer zukünftigen Revolte bereit, die einen Ausweg aus der Krise weist.
Man muss sich etwas einlesen in seine Sprache, aber dann lässt einen Berardi nicht mehr los.
„…Aus dem Nebel der aktuellen Lage tritt ein neuer Gedanke hervor: das Recht auf Insolvenz. Wir werden unsere Schulden einfach nicht mehr bezahlen.“

Franco »Bifo« Berardi
Der Aufstand
Über Poesie und Finanzwirtschaft

187 Seiten, Hardcover (bedruckter Schutzumschlag)

Übersetzung: Kevin Vennemann

Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-95757-092-5

Liebe Freundinnen und Freunde,

mir geht für diese ewige Fragerei, ob Kunst politisch sein soll oder darf oder eigentlich sein müsste, inzwischen immer mehr das Verständnis ab. Wer bitte soll denn die Stimme der seitlich Umgeknickten, der Hartz IV-Empfänger, der Unangepassten, der Spinner und Schwärmer sein, wenn schon die Künstler Besseres zu tun haben als sich mit den Problemen der Menschen und den Gemeinheiten der Welt zu befassen? Was wir brauchen, ist das, was man früher als engagierte Kunst bezeichnet hat und was nun schon seit langem als „Gutmenschentum“ oder „Alt-Achtundsechziger-Attitüde“ desavouiert wird. In meinem Verständnis heißt Relevanz, dass Kunst eine bewusste humanistische Tendenz hat. Immer schon war die Kunst auf Seiten der Unterdrückten – und immer schon sahen kluge Geister in der Kunst und Kultur den Schlüssel zur schöpferischen Fortentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Ein Plädoyer für utopische Tendenzkunst von Konstantin Wecker.
http://hinter-den-schlagzeilen.de/…/die-verantwortung-des-…/

Liebe Freundinnen und Freunde,

nur mal so kurz gefragt:
auf Zigarettenschachteln müssen abstossende Bilder gezeigt werden. Zur Warnung.
Man könnte sich durch das Rauchen selbst schaden.
Auf Waffen werden meines Erachtens keine Warnhinweise angebracht. Zum Beispiel: Mit dieser Waffe schaden Sie Anderen. Schiessen ist tödlich.
Auf Schnapsflaschen könnte man Bilder verprügelter Kinder und Frauen abbilden.
Auf Deutschlandfahnen während Europa- und Weltmeisterschaften könnte man Warnhinweise anbringen:
das Schwenken dieser Fahne kann Nationalismus und Rassismus fördern.
Was haben die Tabaklobbyisten nur falsch gemacht…..