Liebe Freundinnen und Freunde:

Liebe Freunde:

Wenn mich am Morgen das Dao küsst
kann ich am Abend zufrieden sterben –
das ist mir gerade durch den Kopf gegangen.
In der Sonne liegend,
einem Schmetterling nachsinnend.
Wahrscheinlich hab ich die Zeile von Konfuzius geklaut,
in den ich mich vor ein paar Tagen
wieder mal versenkt hatte.
Aber was ist das Dao?
Pfad, Weg, Sosein, Schöpfungsprinzip?
Jedenfalls zeigt es uns die Unmöglichkeit auf
Worte zu Ende zu interpretieren.
Interpretationen können hilfreich sein,
aber sie bleiben Erklärungsversuche.
Deshalb liebe ich die Poesie:
Sie zeigt uns unsere Grenzen auf und gleichzeitig
weist sie uns einen Weg zum Verstehen des Unerklärbaren.
Wissen stellt sich wohl erst ein
wenn wir uns zu unserem Nichtwissen bekennen.
Mich jedenfalls hat heute Morgen das Dao nicht geküsst,
wenn ich mir meinen Abend so betrachte.
Und ich habe bei Konfuzius gefunden warum:
„Zi Lu fragte: Darf ich nach dem Tod fragen?
Der Meister antwortete:
Wenn man das Leben noch nicht versteht,
wie kann man dann den Tod verstehen?“
Werde mich deshalb weiter bemühen
das Leben zu verstehen.

(Das Zitat habe ich dem inspirierenden Buch von Henrik Jäger entnommen:
ZHUANGZI
Mit den passenden Schuhen vergißt man die Füße
J.H.Röll Verlag)

Liebe Freundinnen und Freunde,

Frauke Petry will also das „Völkische“ wieder „positiv besetzen“? Warum auch nicht, Frau Petry – die Beschimpfung „Gutmensch“ haben Sie ja auch schon dem Nazivokabular entnommen. Dann eben auch völkisch. Wohin wird das führen Frauke? Setzen Sie sich morgen als „Arierin“ dafür ein, den Begriff „Volksschädling“ wieder positiv zu besetzen? Eventuell für eine „Volksschädlingsverordnung“ um linke Zecken wie mich endlich entsorgen zu können?
(Die Volksschädlingsverordnung wurde am 5. September 1939 erlassen und sollte der nationalsozialistischen Justiz ein wirksames Instrument zum Schutz der „inneren Front“ zur Verfügung stellen.)
Darüber hinaus drohen Sie auch noch offen mit einem Bürgerkrieg: »Je mehr ungebildete und oft aggressive junge männliche Einwanderer aus Nordafrika kommen, desto mehr wird die Lage eskalieren.«
Frau Petry, schon mal was von Projektion gehört?
In der Psychoanalyse versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse einem anderen Menschen zugeschrieben werden.
Wahrscheinlich schämen Sie sich für Ihre Wähler, aber lasten Sie bitte deren mangelnde Bildung nicht männlichen Nordafrikanern an.

P.S.:
Noch einmal zum Thema Gutmensch:
Auf die Verachtung des „Guten“, „menschlichen“, „Humanen“ die die Nationalsozialisten am schamlosesten äußerten, wies auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) 2006 hin:
„Erstmals findet sich das Wort „Gutmensch“ als Bezeichnung für die Anhänger von Kardinal Graf Galen, der gegen die Vernichtung lebensunwerten Lebens , also die Tötung körperlich und geistig Behinderter durch die Nationalsozialisten gekämpft hat. Nicht klar ist, ob der Begriff von Josef Goebbels oder Redakteuren des Stürmer 1941 ersonnen worden ist. Gutmensch geht auf das jiddische a gutt Mensch zurück, womit von den Nationalsozialisten auch ein Bezug zu den lebensunwerten Juden hergestellt werden sollte. Adolf Hitler hat in seinen Reden und in Mein Kampf ebenfalls die Vorsilbe gut als abwertend verwendet. So sind für ihn gutmeinende und gutmütige Menschen diejenigen, die den Feinden des deutschen Volkes in die Hände spielen“.

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Liebe Freundinnen und Freunde,

SICH FÜGEN HEISST LÜGE

09.09.2016

Liebe Freunde,
was für eine Ehre und große Freude:
Die Erich Mühsam- Gesellschaft hat mir den Erich-Mühsam-Preis verliehen, der alle drei Jahre vergeben wird.
Ich liebe Mühsam seit ich Gedichte zu lesen begann, ich war und bin erschüttert über all das, was dieser aufrechte und liebenswerte Anarchist erdulden musste.
Gefängnis und Folter konnten ihn nicht brechen und als seine Folterknechte im KZ Oranienburg seinen Selbstmord verlangten, weigerte er sich. Sie haben ihn zu Tode gequält und dann aufgehängt.
Er verkörperte all das, was den Nazis zuwider war: er war Jude, Anarchosyndikalist, Freigeist und vor allem war er ein warmherziger Mensch.
Dieser mutige Mann wurde als Schüler wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen – ach wären die Sozialdemokraten doch wieder umtriebig – er war in der Roten Hilfe tätig, er hat sich nie verbiegen lassen.
Zusammen mit Ernst Toller und Gustav Landauer gehörte er zu den Initiatoren und Anführern der ersten Phase der Münchner Räterepublik ab dem 7. April 1919. 
Bereits am 13. April 1919 wurde er deswegen verhaftet.
„Sich fügen heißt lügen“ war sein Lebensmotto.
Erich Mühsam hat sich sein Leben lang nicht gefügt. Schon früh hatte er eindringlich vor der unheilbringenden Gefahr des Faschismus gewarnt und gehörte zu den ersten und bekanntesten Opfern. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Sein Name wurde zum Synonym für Menschlichkeit, Würde und Widerstand gegen Unrecht.
Wenn die Erich-Mühsam-Gesellschaft schreibt, ich sei in seinem Sinne ein Anarchist, der weiterhin an eine herrschaftsfreie Gesellschaft glaubt, dann fühle ich mich sehr geehrt.

Bürgers Alpdruck

Was sinnst du, Bürger, bleich und welk?
Hält dich ein Spuk zum Narren?
Nachtschlafend hörst du im Gebälk
den Totenkäfer scharren.
Er wühlt und bohrt, gräbt und rumort,
und seine Beine tasten
um Säcke und um Kasten.

Horch, Bürger, horch! Der Käfer läuft.
Er kratzt ans Hauptbuch eilig.
Nichts, was du schwitzend aufgehäuft,
ist seinen Fühlern heilig.
Der Käfer rennt. Der Bürger flennt.
In bangen Angstgedanken
fühlt er die Erde wanken.

Ja, Bürger, ja – die Erde bebt.
Es wackelt deine Habe.
Was du geliebt, was du erstrebt,
das rasselt jetzt zu Grabe.
Aus Dur wird Moll, aus Haben Soll.
Erst fallen die Devisen,
dann fällst du selbst zu diesen.

Verzweifelt schießt die Bürgerwehr
das Volk zu Brei und Klumpen.
Ein Toter produziert nichts mehr,
und nichts langt nicht zum Pumpen.
Wo kein Kredit, da kein Profit.
Wo kein Profit, da enden
Weltlust und Dividenden.

Hörst, Bürger, du den Totenwurm?
Er fährt durch Holz und Steine,
und sein Geraschel weckt zum Sturm
des Leichenvolks Gebeine.
Ein Totentanz macht Schlußbilanz
und schickt dich in die Binsen
samt Kapital und Zinsen.

Erich Mühsam

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Lübecker Erich-Mühsam-Preis geht 2016 an Konstantin Wecker – Unser Lübeck – Kultur-Magazin

Liebe Freundinnen und Freunde,

unvergessen bleibt mir und meinen Musikern die Begegnung mit Gaby Moreno bei den letzten „Songs an einem Sommerabend“.
Die Sängerin aus Guatemala hat uns mit ihrer atemberaubenden Sangeskunst verzaubert.
Wir hatten nur wenig Zeit um zu proben, aber das ist ja das Schöne am Miteinandermusizieren: das Beste entsteht sowieso meistens spontan auf der Bühne. Für mich ist diese Begegnung wieder ein Beweis dafür, dass es keine sogenannte „reine“ Kultur gibt.
Und wie entsetzlich langweilig sie wäre!!!
Musik, Tanz, Dichtung, Malerei – die Kunst muss offen sein für die verschiedensten Einflüsse und immer grenzenlos.
Wenn diese selbsternannten Wächter und Bewahrer der „reinen deutschen Kultur“ wüssten, wie viel – um nur einige wenige zu nennen – arabische, afrikanische, türkische, spanische Einflüsse unsere Kultur geprägt haben, würden ihnen vielleicht endlich Augen und Ohren aufgehen.
…Ich danke dem Leben,
den Flüssen, den Reben,
den Winden, den Bäumen
und ich dank meinen Träumen,
denn sie ließen mich fliegen,
die Starrheit besiegen
und es ließ mich erkennen:
wir sind nicht zu trennen,
woher wir auch stammen –
wir sind eins und zusammen.

Dank an Violeta Parra, die dieses wunderbare Lied geschrieben hat, Dank den großen Künstlerinnen Mercedes Sosa und Joan Baez, mit denen ich dieses Lied schon singen durfte und nun mein Dank an Gaby Moreno: Gracias!

(Mein deutscher Text ist eine sehr freie Nachdichtung, inspiriert durch die wundervolle Musik Violeta Parras und ist keine wörtliche Übersetzung.)
https://www.youtube.com/watch?v=LREbCpN_elY

Liebe Freundinnen und Freunde,

ein kurzer Zwischenruf aus der Auszeit….
Söder spricht von einem „Weckruf für die Union“, die Presse spricht von „Merkels Debakel“, die „Anti- Merkelpartei landet erstmal vor der Merkel-Partei“ – vieles wird abgesondert nach dieser Wahl, vor allem von hauptamtlich meinungsgegelten Absonderern wie Söder und Co.
Aber, liebe Medien, habt ihr eigentlich schon mal drüber nachgedacht, dass ein Großteil der Schuld an diesem Desaster Euch zuzuschreiben ist?
Erzählt einer der AfD-Spitzenfunktionäre, dass er sich eine Zusammenarbeit mit der NPD vorstellen kann, erhält er in den öffentlich-rechtlichen Sendern rauf und runter Gelegenheit, breit darüber zu reden. Wenige Tage vor dem Wahltermin.
Wann hat man in diesen Tagen von der Linken gehört, gelesen?
Warum muss man denn politisch pubertierende Populisten wie Petry, Gauland und Storch immer wieder in Talkrunden einladen, wo sie exzessiven Unsinn verbreiten dürfen und meist offensichtliche Lügengeschichten erzählen, um die schärfsten Attacken dann kurz darauf wieder zu relativieren – wohlgemerkt auch wieder mit mächtigem Presse-Trommelwirbel.
Und dann sei mal nachgefragt, ob man denn seine Meinung als Politiker ständig ändern muss, oder ob für einen Politiker nicht das erste Ziel sein sollte eine eigene Meinung zu haben, sowie eine humanistisch demokratische Gesinnung, unbeeinflussbar von Lobbyisten und Wahlprognosen?
Zwischen AfD und den Rechten in der Union gibt es wohl eine Arbeitsteilung: AfD fängt den Protest gegen zu viel Menschlichkeit ein; jemand wie Söder treibt den Rechtsruck innerhalb der Union voran, fordert, die AfD einzudämmen, indem man sich ihr anpasst. Wie es aussieht ist eine rechtskonservative Nach-Merkel-Ära ist schon in Vorbereitung.
Ich habe nie gedacht, dass ich als alter Linker noch mal Frau Merkel verteidigen muss.
Aber bei dem rassistischen „Merkel muss weg“-Gebrüll erwacht in mir ein natürlicher Schutzinstinkt.
Bei Frau Petry als Kanzlerin würde ich in den Untergrund gehen.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich habe lange nichts mehr gepostet und einige Freunde haben nachgefragt, ob denn auch alles in Ordnung sei mit mir.
Ich habe mir eine Auszeit gegönnt. Vom Netz, von den Nachrichten – eine Auszeit um wieder zu lesen und unter dem hohen und stets lichtdurchfluteten toskanischen Himmel in mich zu gehen.
Ich habe Eugen Drewermanns neues Buch über“ Kapitalismus und Christentum“ im Gepäck (ein Muss!!!) ebenso wie Selma Meerbaum -Eisingers zu Tränen rührende Gedichte. (Die jüdische Dichterin wurde 18-jährig von den Nazis umgebracht.) Ein spannendes Buch von Bruce H. Lipton „Spontane Evolution“, das mir Jo geschenkt hatte zum Tourende hab ich dabei und natürlich beide Bücher meines derzeitigen Lieblingsphilosophen Franco Bifo Berardi: „Aufstand“ und „Helden“.
Ab Mitte September gehts wieder los mit Solo-Konzerten und wir machen auch wieder weiter mit unserer Revolution. Und wenn ich den Tourplan so betrachte wird es eine Oktober-Revolution werden:)
Bald werd ich mich auch sicher wieder einmischen ins Geschehen und bis dahin wünsche ich uns einen verzauberten ausklingenden Sommer und „Herbst im Sommergewand“:

Oliven im Lichterwirbel,
unersättliches Blau,
Hügel, sanft sich verbeugend.
Rosen. Allerleirauh.

Schwirrende, flirrende Gäste,
Thymian und Wein.
Falter feiern Feste.
Südwinde laden sie ein.

Es sind die letzten Stunden,
Herbst im Sommergewand.
Keine Zeit zum Gesunden.
Sensen ziehn übers Land.

Bald wirst du dich verweben
mit Winter, Tod und Eis.
Doch für gelebtes Leben
braucht’s keinen Beweis.

Konstantin Wecker