Liebe Freundinnen und Freunde,

SICH FÜGEN HEISST LÜGE

09.09.2016

Liebe Freunde,
was für eine Ehre und große Freude:
Die Erich Mühsam- Gesellschaft hat mir den Erich-Mühsam-Preis verliehen, der alle drei Jahre vergeben wird.
Ich liebe Mühsam seit ich Gedichte zu lesen begann, ich war und bin erschüttert über all das, was dieser aufrechte und liebenswerte Anarchist erdulden musste.
Gefängnis und Folter konnten ihn nicht brechen und als seine Folterknechte im KZ Oranienburg seinen Selbstmord verlangten, weigerte er sich. Sie haben ihn zu Tode gequält und dann aufgehängt.
Er verkörperte all das, was den Nazis zuwider war: er war Jude, Anarchosyndikalist, Freigeist und vor allem war er ein warmherziger Mensch.
Dieser mutige Mann wurde als Schüler wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen – ach wären die Sozialdemokraten doch wieder umtriebig – er war in der Roten Hilfe tätig, er hat sich nie verbiegen lassen.
Zusammen mit Ernst Toller und Gustav Landauer gehörte er zu den Initiatoren und Anführern der ersten Phase der Münchner Räterepublik ab dem 7. April 1919. 
Bereits am 13. April 1919 wurde er deswegen verhaftet.
„Sich fügen heißt lügen“ war sein Lebensmotto.
Erich Mühsam hat sich sein Leben lang nicht gefügt. Schon früh hatte er eindringlich vor der unheilbringenden Gefahr des Faschismus gewarnt und gehörte zu den ersten und bekanntesten Opfern. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Sein Name wurde zum Synonym für Menschlichkeit, Würde und Widerstand gegen Unrecht.
Wenn die Erich-Mühsam-Gesellschaft schreibt, ich sei in seinem Sinne ein Anarchist, der weiterhin an eine herrschaftsfreie Gesellschaft glaubt, dann fühle ich mich sehr geehrt.

Bürgers Alpdruck

Was sinnst du, Bürger, bleich und welk?
Hält dich ein Spuk zum Narren?
Nachtschlafend hörst du im Gebälk
den Totenkäfer scharren.
Er wühlt und bohrt, gräbt und rumort,
und seine Beine tasten
um Säcke und um Kasten.

Horch, Bürger, horch! Der Käfer läuft.
Er kratzt ans Hauptbuch eilig.
Nichts, was du schwitzend aufgehäuft,
ist seinen Fühlern heilig.
Der Käfer rennt. Der Bürger flennt.
In bangen Angstgedanken
fühlt er die Erde wanken.

Ja, Bürger, ja – die Erde bebt.
Es wackelt deine Habe.
Was du geliebt, was du erstrebt,
das rasselt jetzt zu Grabe.
Aus Dur wird Moll, aus Haben Soll.
Erst fallen die Devisen,
dann fällst du selbst zu diesen.

Verzweifelt schießt die Bürgerwehr
das Volk zu Brei und Klumpen.
Ein Toter produziert nichts mehr,
und nichts langt nicht zum Pumpen.
Wo kein Kredit, da kein Profit.
Wo kein Profit, da enden
Weltlust und Dividenden.

Hörst, Bürger, du den Totenwurm?
Er fährt durch Holz und Steine,
und sein Geraschel weckt zum Sturm
des Leichenvolks Gebeine.
Ein Totentanz macht Schlußbilanz
und schickt dich in die Binsen
samt Kapital und Zinsen.

Erich Mühsam

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Lübecker Erich-Mühsam-Preis geht 2016 an Konstantin Wecker – Unser Lübeck – Kultur-Magazin

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Ein Gedanke zu “Liebe Freundinnen und Freunde,

  1. Sich fügen heißt Lüge. Das ist ein Lebendmotto, dem man nur beipflichten kann.
    In Erich Mühsam verkörpert sich die Ablehnung von Autoritäten, die Verbundenheit zu sozial Benachteiligten, eine antibürgerliche und vitalistische Lebensführung und freigeistiges Denken. Man spricht auch von „Gefühlsanarchismus“ im Zusammenhang mit seiner Person. Nicht ohne Grund avancierte Erich Mühsam zu einer populären Leitfigur in der November- Revolution 1918 in München.
    Die Preis- Verleihung des Erich- Mühsam-Preis erfolgt sicherlich nach guter und gründlicher Abwägung. Ich hätte mir keine passendere Person für diesen Preis vorstellen können, als Konstantin Wecker, zeigen sich doch in seiner politischen und Lebens – Einstellungen sowie in der Form seines Engagements für eine humanere Welt mit ethischen Werten viele Parallelen zur Person Erich Mühsam.
    Möge Konstantin Wecker diese Anerkennung zu einer anstehenden Oktoberrevolution beflügeln, einer Konzert-Revolution in der er sich, wie bisher, für ein Umdenken, gegen die Lügen des Waffenlobbyismus, gegen die sich krakenförmig ausbreitende kalte Vernunft der Wirtschaftsergebenen, gegen den Fremdenhass, für den Freidenker und für eine Revolution des Herzens einsetzt, mit Haut und Haaren, v.a. aber mit seiner vollen voluminösen Stimme.
    Lieber Konstantin, ich gratuliere dir von Herzem. Ich freue mich sehr, dass du diesen Preis bekommen hast.

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