ÜBER DIE ZERBRECHLICHKEIT

29.11.2016

Liebe Freunde,
gerade hab ich ein kleines Gedicht geschrieben, das ich euch in diesen Zeiten der omnipotenten Kraftprotze nicht vorenthalten möchte:

Über die Zerbrechlichkeit

Es lebe die Zerbrechlichkeit.
Stärke macht mir Angst, es sei denn,
sie ist aus der Zerbrechlichkeit geboren.
Mich berühren die ungebetenen Gäste
die Stillen und Verzagenden,
die Unerhörten.
Schönheit gebiert sich
aus Hilflosigkeit und Weisheit ist oft
ein Akt der Verzweiflung.
Immer wenn ich zerbrechlich war
konnte ich wachsen.
Wenn ich mich vollendet fühlte
erstarrte ich.
Mein Herz schlägt für die Missglückten,
Unansehnlichen,
Unbestätigten.
Die aber im Licht stehen
machen sich keine Gedanken über den Schatten
den sie werfen.
Vielleicht ist der Schatten größer als sie.
Vielleicht weiß er mehr von dem
was uns bedingt.
Die Schönheit
gehört den Zerbrechlichen.
Wir aber wähnen uns schön
und sehnen uns doch insgeheim danach
zerbrechen zu dürfen.

Konstantin Wecker

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LET’S START RIGHT NOW!

K. Wecker:

LET’S START RIGHT NOW!

12.11.2016

Liebe Freunde,
die letzten beiden Beiträge bei facebook mussten wir gestern leider löschen, weil uns ein Shitstorm in einer für uns ungewohnten Größenordnung ereilt hat.
Und da wir es uns zur Regel gemacht haben Hasskommentare sowie rassistische, homophobe und sonstige Unflätigkeiten von meiner Seite zu entfernen, kamen wir schlichtweg nicht mehr nach.
Natürlich stehe ich weiterhin zu dem was ich geschrieben habe, vor allem tut es mir leid um die vielen klugen und besonnenen Kommentare von euch, ob nun zustimmend oder aber auch kritisierend, aber eben in einer Art und Weise formuliert, wie es sich für denkende und fühlende Menschen gebührt.
Ja – ihr Trumpisten, ihr sogenannten „zornigen, weißen, alten Männer“ , ihr selbsternannten Herrenmenschen, ihr vor jeder Emanzipation zu Tode erschreckten ängstlichen Männlein, ich bleibe dabei:
Es gibt durchaus gute Gründe mit einem Gott zu hadern, der einen Trump Präsident werden lässt und einen Leonard Cohen in Jenseits abberuft.
Seit dieser unsäglichen Wahl werden Frauen mit Kopftüchern in den USA terrorisiert, weiße Kinder verprügeln dunkelhäutige und berufen sich auf Trump, an Universitäten tauchen Flyer auf, die dazu aufrufen, eine Bürgerwehr zu bilden und gegen Universitätsleiter vorzugehen, die sich für Diversität einsetzen. Dem größten Übel der Menschheitsgeschichte, dem Rassismus, ist durch diesen schrecklichen Präsidenten Tür und Tor geöffnet.
Hallo AfD, hallo FPÖ, Trumpverehrer Strache, Björn Höcke, der Sie vorgestern von einem „Sieg der Demokratie“ schwafelten – wolltet ihr das wirklich? Welcher menschenverachtenden Weltsicht habt ihr euch aus Machtgier und Engstirnigkeit verschrieben?
Wie konntet ihr euch so weit von der schlichten philosophischen Erkenntnis entfernen, die da weiß: woher wir auch stammen – wir sind eins und zusammen. Wie konntet ihr euch nur so weit von euch selbst entfernen?
Die großartige Naomi Klein hat gestern im „The Guardian“ geschrieben:
„So let’s get out of shock as fast as we can and build the kind of radical movement that has a genuine answer to the hate and fear represented by the Trumps of this world. Let’s set aside whatever is keeping us apart and start right now.“
Oder – um es mit den Worten meines Freundes Willy zu sagen:
„Weiterkämpfen muass ma, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat!“
Und wenn ihr mich noch so sehr beschimpft:
Jetzt erst Recht!
Let’s start right now!

LIEBER LEONARD, WIR VERMISSEN DICH

LIEBER LEONARD, WIR VERMISSEN DICH

11.11.2016

Liebe Freunde,

mag sein, dass mich die Wut und die Trauer zu sehr überrumpelt haben und ich möchte mich – eure Kommentare haben mich nachdenklich gemacht – revidieren:

Ich wünsche natürlich Donald Trump nicht den Tod. Ich wünschte mir einen lebenden Cohen an der Stelle des Präsidenten.
Lieber Leonard, wir vermissen Dich, Deine Weisheit, Deine wunderbare Stimme, Deine Poesie und Deine unsterblichen Lieder.
Ruhe in Frieden.

SEID UNGEHORSAM!

K. Wecker:

SEID UNGEHORSAM!

09.11.2016

Liebe Freunde,
heute hat die Pest die Cholera besiegt. Oder meinetwegen auch umgekehrt.
Die kluge Susan Sarandon sagte vor ein paar Tage der Washington Post:
„Fear of Trump is not enough for me to support Clinton, with her record of corruption.“
Es ist richtig, sich dieser kranken Alternative zu entziehen, man MÜSSE einen von zwei gefährlichen Politikern aus einer der beiden Parteien wählen, um „Schlimmeres“ zu verhindern. Wer das kleinere Übel wählt, wählt immer noch ein Übel.
Jahrzehntelang hat der Neoliberalismus das Land gespalten in Arm und Reich und die arbeitende Bevölkerung für dumm verkauft.
Wen wundert es, dass nun ein Größenwahnsinniger mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, ein spät pubertierender rassistischer Angeber, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist?
Aber hätte ich weniger Angst unter einer kriegslüsternen Clinton gehabt?
„Trump ist keine These. Er ist eine Antithese; die Reaktion auf eine politische Entwicklung, die von einem großen Teil der Bevölkerung als Fehlentwicklung angesehen wird. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und die Mittelschicht rutscht Stück für Stück nach unten ab“, schreibt Jens Berger in den Nachdenkseiten.
Vielleicht aber ist diese Wahl nun endlich der Anstoß für ein anderes Amerika, für eine Revolution.
Vielleicht stärkt das Ergebnis den Sanders-Flügel bei den Demokraten?
Vielleicht kapieren die Demokraten jetzt, dass sie Sanders nicht so heimtückisch entsorgen hätten sollen. Für mein Gefühl wäre er der viel stärkere Gegner Trumps gewesen als die der Finanz- und Kriegsindustrie hörige Frau Clinton.
Vielleicht wachen nun die Linken in diesem Land wieder auf?
Vielleicht wacht nun auch die europäische Sozialdemokratie wieder auf, wenn sie sieht, wie es ausgeht, wenn man immer nur ein Prozent der Gesellschaft bedient, in den Arsch kriecht und immer reicher macht?
Die Wahl ist gelaufen, der Schock ist groß, aber wir dürfen uns jetzt nicht in Angststarre verstecken.
Gestatten wir diesem Wahnsinn nicht, unser Herz zu lähmen.
Überlassen wir die dringend nötige Revolution nicht den Rechten.
P.S.:
Sieht man sich die Wählergruppen an, wird einem klar, dass wieder mal die Alten über die Zukunft der Jungen entschieden haben, wohl weil die nicht aktiv genug waren.
Liebe Jugendliche – bitte empört euch und wehrt euch!!!
SEID UNGEHORSAM!

K. Wecker: WAS FÜR EINE EHRE, IN EINER REIHE MIT DIESEN GROSSARTIGEN KÜNSTLERN STEHEN ZU DÜRFEN

03.11.2016

Liebe Freunde,
1972 wurde er zum allerersten Mal meinem Freund, Vorbild und Mentor Hanns Dieter Hüsch verliehen: der deutschen Kleinkunstpreis.
1977 durfte ich ihn – in der Sparte Chanson – in Händen halten, zu meiner großen Freude zusammen mit Dieter Hildebrandt.
Vorgestern wurde mir vom Mainzer Forum Theater Unterhaus mitgeteilt, dass die Jury mich mit dem Ehrenpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis 2017 ausgezeichnet hat.
Zusammen mit Tobias Mann und Nico Semsrott (in den Sparten Kabarett und Kleinkunst).
2008 wurde der Ehrenpreis zum ersten Mal an Dieter Hildebrandt für sein Lebenswerk verliehen und in den folgenden Jahren auch an meine Freunde Gerhard Polt, Georg Schramm und Franz Hohler.
Was für eine Ehre, in einer Reihe mit diesen großartigen Künstlern stehen zu dürfen.
Ich bedanke mich bei der Jury für das große Vertrauen mit diesem Gedicht des unvergessenen Hanns Dieter Hüsch, der wie kein anderer dem unterhaus und diesem Kleinkunstpreis verbunden war:

Ich hab mir’s überlegt:
Ich setze auf die Liebe
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu entfernen
Bis wir bereit sind zu lernen
Dass Macht Gewalt Rache und Sieg
Nichts anderes bedeuten als ewiger Krieg
Auf Erden und dann auf den Sternen
Ich setze auf die Liebe
Wenn Sturm mich in die Knie zwingt
Und Angst in meinen Schläfen buchstabiert
Ein dunkler Abend mir die Sinne trübt
Ein Freund im anderen Lager singt
Ein junger Mensch den Kopf verliert
Ein alter Mensch den Abschied übt
Ich setze auf die Liebe
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu vertreiben
Ihn immer neu zu beschreiben
Die einen sagen es läge am Geld
Die anderen sagen es wäre die Welt
Sie läg in den falschen Händen
Jeder weiß besser woran es liegt
Doch es hat noch niemand den Hass besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden
Es kann mir sagen was er will
Es kann mir singen wie er’s meint
Und mir erklären was er muss
Und mir begründen wie er’s braucht
Ich setze auf die Liebe! Schluss!

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